Vernissage //Superficial


Ausstellung // Exhibition
Mo - Fr 13 - 19 Uhr

23 Juli - 10 August Sommerurlaub 

»SUPERFICIAL«

So, nun hat es also auch die Kunst erwischt: „Oberflächlich“. Mit diesem Titel locken Christian Henkel und Sebastian Menzke in die Ausstellung der Galerie Kristine Hamann – „Superficial“. Kann das richtig sein? Ist das ernsthaft die Haltung der Künstler zur eigenen Kunst?
Sind die Sujets, an denen sich die beiden abarbeiten, etwa trivial und seicht? Ist der Titel ein Trick der Galeristin, Besuchern die Schwellenangst zur Kunst zu nehmen? Nein! Nichts von alledem. Der Titel ist kein Werbeslogan und auch keine Nebelkerze - obwohl er sicher auch augenzwinkernd gelesen werden darf. Das Wörtliche, Ernsthafte dahinter, erschließt sich uns als Betrachter allerdings nur, wenn wir alles andere als oberflächlich hinschauen. Ein Blick in den Raum verrät, womit wir es zu tun haben: Malerei einerseits und ... ja was eigentlich? Installationen, Objekte, Keramiken?Farbig sind die Arbeiten, soviel ist sicher. Fragt man Christian Henkel, wie er seine Skulpturen konkret bezeichnet, sagt er „Malerei im Raum“1. Er versteht sich als Maler, dem es eben nicht reicht, nur zu malen. Es geht ihm gleichermaßen um Raum, Farbe, Form und Material.2 Und so fügt er Gefundenes zusammen - frei von einem Thema, frei von jedem handwerklichen Anspruch. Nicht dilettantisch im Wortsinne, sondern gerade so ausreichend, dass es seinen Zwecken genügt. „Amateur Standard“ nennt er die Methode. Holz, Metall, Glas, Gebrauchs- und Dekorgegenstände bilden eine Form - ein Bild im Raum - und die Folie seiner Malerei aus Metallgrundierung, Ölfarbe und allem, was er eben für geeignet hält. Auf diese Weise schafft er nicht einfach ein gemaltes Abbild einer Idee. Sondern die Idee wird gleichsam zum physischen Objekt.

1 Gespräch mit Juliane Radike, 29.05.2015; ebenso alle weiteren Zitate von Christian Henkel.
2 http://www.deconarch.com/der-zufall-ist-ein-willkommener-freund-in-meinem-schaffen- interview-mit-christian-henkel/; Nov 23, 2014

Allerdings, seine anfängliches Vorhaben abstrakt zu arbeiten sei „gründlich danebengegangen“, sagt Christian Henkel selbst. Denn natürlich sind seine Skulpturen nicht frei davon, dass ihnen letztlich doch auch ein Bild inne liegt. Wir selbst meinen doch eine kleine Hütte, einen Hochsitz, Bauwagen, etwas Vertrautes, zu erkennen; vielleicht einen Rückzugsort oder Schutzraum – jedenfalls für mich persönlich haftet diesen Arbeiten nichts Bedrohliches an. Noch mehr verlocken seine neuesten Arbeiten zum Assoziieren: „Ich knete die einfach zusammen“, sagt er, „und dann schminke sie mit einer dünnen Lasur. Es geht mir wirklich ganz stark um die Oberfläche der Skulptur.“ Dennoch erkennen wir ganz klar Amphoren und Kannen aus Ton, antike Formen und Materialien – egal wie archaisch sie daherkommen. Traditionelle Vorrats- und Transportgefäße für Wein, Öl, Oliven Honig, Milch oder Getreide. Überhaupt Tradition: Ein wichtiger Begriff, wenn man sich mit Sebastian Menzke unterhält. „Tradition gibt Sicherheit“3, sagt er und macht sie konsequent zum Prinzip seiner Arbeit. Mit zwei völlig unterschiedlichen Maltechniken erzielt er eine Wirkung, die in der zeitgenössischen Malerei sehr selten geworden ist: Die Oberfläche seiner Bilder glänzt sanft und leuchtet aus der Tiefe heraus, wie zuvor in den Gemälden der Alten Meister. Für seine Acrylbilder schichtet er hinter ein spezielles milchiges Acrylglas eine ganz bestimmte Gaze, in einem ganz bestimmten Abstand, in einem selbst gebauten Objektrahmen übereinander. Der Blick wird - vorbei an mal deutlichen Übergängen, mal sanften Farbverläufen – ins Bildinnere gesogen. Sebastian Menzke sagt, er hätte ganz zufällig diesen Weg des Arbeitens gefunden, die traditionelle, lasierende Malerei zu imitieren und damit den langwierigen Malprozess abzukürzen. Dass er jedoch, neben dem künstlerischen Studium, auch eine Glaserlehre absolviert hat, und damit ein klassisches Handwerk beherrscht, könnte dem Zufall in die Hände gespielt haben. Auch technisch vollkommen altmeisterlich, ist dagegen eine andere Werkgruppe von Sebastian Menzke: Hier benutzt er rohe Leinwände und grundiert sie selbst. Fast lasierend trägt er die Farbe, so dünn wie möglich, nach Skizzen auf. Auf diese Weise kann er sich keine Fehler erlauben. „Ich arbeite vorsätzlich, nicht im Affekt“, sagt er. „Wenn ich eine Linie ziehe, weiß ich was ich tue. Ich setze an und atme nicht. Das ist wie beim Glasschneiden.“

3 Gespräch mit Juliane Radike, 25.05.2015; ebenso alle weiteren Zitate von Sebastian Menzke

Genau wie die Alten Meister, arbeitet er sich an Themen ab. Sebastian Menzke interessieren Katastrophen - echte und latente gleichermaßen. Ihn beschäftigt Fukushima oder Experimente wie im schweizerischen CERN. „Ich bin ja ein zeitgenössischer Maler und lebe heute. Also interessiert mich auch, was heute passiert und vor allem, was mit uns passiert.“ Er fragt, welche menschlichen Folgen mit Naturkatastrophen einhergehen und erforscht das Auflösen der Welt nach einer Katastrophe - mit all ihren Verlusten von Wissen, Werten und Technologien. War es anfangs nur die Explosion des japanischen Reaktors selbst, so bilden in seiner neuesten Werkgruppe Flächen und Linien scharfe Formen und zarte Verläufe. (Die ästhetische Qualität seiner Acrylbilder aufgreifend.) Wir meinen Geishas identifizieren zu können – weit entfernt von einem Abbild, vielmehr der Nachhall einer sich im Verschwinden befindenden Kultur. Formalstilistisch sind wir plötzlich an das Bauhaus erinnert. Dessen Idee von der Fortführung traditionellen Handwerks, steht durchaus im Einklang mit der Malerei Sebastian Menzkes. Doch anders als Oskar Schlemmer in seinen stereometrischen Figuren, konstruiert Menzke nicht. Er dekonstruiert, weil er die Welt so erlebt wenn er sagt: „Alles was am Ende übrig bleibt, sind vielleicht nur noch die Wolken...“ Genau diese Wolken schweben, wabern, quellen uns von Sebastian Menzkes Bildern entgegen. Möglich, dass sich hier der Kreis schließt: Sollte die Katastrophe eintreten, so bieten uns Christian Henkels fragile Verschläge für eine Weile Schutz und in seinen Amphoren finden wir Nahrung. Oder es ist alles vollkommen anders, denn Henkel geht es um einen rein puristischen, ästhetischen Ansatz. Auch wenn er, so wie Menzke, mit seinen Bildtiteln verschlüsselte Hinweise zu geben scheint, will er nicht vermitteln und verwehrt sich gegen zu viel Kopflastigkeit. Trotzdem sehen und begreifen wir, was beide Künstler nicht sagen. Das ist nicht oberflächlich sondern außergewöhnlich gehaltvoll. 

Text: Juliane Radtke / Kunsthistorikeri