more than a haircut

2017 - more than a haircut - 50x40cm.jpg
2017 - more than a haircut - 50x40cm.jpg

more than a haircut

1,350.00

Künstler: Sven Ochsenreither
Titel: more than a haircut
Maße: 50 x 40 cm
Entstehungsjahr: 2017
Unikat / Erstverkauf

1.350,00 € Brutto
Differenzbesteuerung gem. § 25a USTG, kein Ausweis der Umsatzsteuer.

Kaufen

Märchen, die noch nie erzählt wurden

Die Malerei von Sven Ochsenreither

Die menschliche Figur ist seit rund zwölf Jahren der wesentliche Gegenstand im Werk des Malers Sven Ochsenreither. In verschiedenen Konstellationen hat er dieses Thema behandelt - zumeist anhand von Kindern als Motiv - und sucht dabei stets nach neuen Wegen der Dar­stellung und Bildgestaltung. Neben einigen bleibenden oder wieder­kehrenden Elementen sind so vielfach Weiterentwicklungen, Akzentverschiebungen und das Auftauchen neuer Aspekte im Werk des Malers zu beobachten.

Hierzu zählt seit 2012 eine verstärkte Fokussierung auf die Figur bei gleichzeitiger Reduzie­rung von Szenerie und Hintergrund. Räume und Landschaften werden mehr und mehr aufgelöst und überführt in Farbflächen. Gleichzeitig entwickeln die Figuren ein stärkeres Eigenleben und eine sehr selbstbewusste Präsenz. Die auf diese Weise dekontextualisierten Kinderfiguren zeigen ihre Handlung, ihre Besonderheit und ihre Verletzlichkeit losgelöst von Ort und Zeit. Mit dieser Reduzierung und Fokussierung einher ging eine Hinwendung des Malers zu märchenhaften und gleichnishaften Motiven: selbstbewusste, in sich ruhende Kinder präsentieren selbstverständlich ein Pferd auf ihrem Kopf oder aus sich heraus leuchtende Pilze. In seiner Werkreihe „untold tales“ aus dem Jahr 2014 hat Ochsenreither seine Bildsprache deutlich weiterentwickelt: die Figuren werden nun fast ausschließlich im Profil gezeigt, häufig sind sie angeschnitten, der Bildhintergrund besteht zumeist aus einer einfarbigen Fläche. Damit tritt die Protagonistin oder der Protagonist der „unerzählten Märchen“ in den Vordergrund und wird zum zentralen Betrachtungs­gegen­stand. Durch die Selbstverständlichkeit, mit der dies geschieht, wirken sie dem Befremden entgegen, das ein Mädchen mit einem Pferd auf dem Kopf auslösen könnte: es sind Figuren aus Märchen, die noch nicht erzählt wurden, die vom Betrachter ersonnen oder assoziiert werden können. In Märchen häufig behandelte essentielle Konflikte, Ängste und Kämpfe werden vom Maler nicht ausformuliert sondern nur angedeutet. Darum sind seine Bilder auch nicht narrativ, denn sie erzählen keine Geschichte, sondern zeigen nur einzelne Personen und Gegenstände daraus. Die Geschichte selbst kann nur vom Betrachter erzählt werden. Es handelt sich um archetypische Figuren, die nicht eindeutig entschlüsselt werden können. Doch sie sprechen auf vielschichtige Weise Ängste, Sehnsüchte, Andersartigkeiten, persönliche Krisen und damit in Zusammenhang stehende Bewältigungsstrategien an.

Eine weitere Besonderheit dieser jüngeren Bilder besteht in der Entwicklung einer eigenen Form der Hell-Dunkel-Malerei, welche zur Zeit des Barock von Malern wie Caravaggio und Georges de la Tours zu einer ersten Blüte entwickelt wurde. Durch ihre Entwicklung einer Lichtregie mit extremen Kontrasten zur Verstärkung von Räumlichkeit und Ausdruck eröffneten sie der Malerei bis dahin unbekannte Ausdrucksmöglichkeiten. Wie diese komponiert Sven Ochsenreither seine Bilder teilweise mit einer imaginären, außerhalb des Bildraums liegenden Lichtquelle, die starke Hell-Dunkel-Kontraste erzeugt und zumeist das Gesicht der Figuren akzentuiert. Teilweise sind es aber auch die Bildgegenstände selbst, die aus sich heraus leuchten. Durch die starken Kontraste wird dieser Effekt akzentuiert und verstärkt, wodurch die Bilder auch in einer dunklen Umgebung ihre Wirkung entfalten. 

Sven Ochsenreithers Bilder sind aus klar voneinander abgegrenzten Farbflächen konstruiert, weiche Verläufe und ineinander übergehende Schattierungen sucht man vergebens. Hierin zeigt sich die Konsequenz seiner Reduzierung: aus teilweise nur sechs Farbtönen, die er jeweils flächig aufträgt, entsteht eine komplexe Figur. Doch von den Farben liegen nicht selten zehn Schichten übereinander. Das Suchen, Ausprobieren und Verwerfen gehört elementar zum Arbeitsprozess des Künstlers. Er selbst nennt dies „Nachdenken auf der Leinwand“. Hierfür betrachtet er seine unfertigen Bilder lange, um dann immer wieder einzelne Farbflächen oder auch alle zu übermalen. Dieser Prozess ist häufig in der Struktur der Farbe auf der Leinwand sichtbar, zum Teil scheinen tieferliegende Nuancen durch. Intensiv sucht er nach den passenden Farben und Kontrasten, die seine Figuren mit Leben füllen. Hierbei orientiert er sich unter anderem an der Farbenlehre von Philipp Otto Runge. Seine Galeristin Kristine Hamann vergleicht seine Arbeitsweise mit der eines Bildhauers, der die Form aus dem Material herausschält oder -schneidet. 

Für Sven Ochsenreither ist der Prozess abgeschlossen, wenn die Figur den Ausdruck und die Präsenz hat, nach der er gesucht hat. Auf diesem Weg werden jedoch nicht nur die Farben der einzelnen Flächen überprüft, sondern auch die gesamte Bildkomposition. So kann es sein, dass die Haltung der Figur, ihre Kleidung oder ihre Attribute mehrfach verändert werden. Auch wenn der Maler hierbei die unfertigen Werke lange betrachtet, lange sucht und lange die Farben mischt, so geschieht das Auftragen der Farbe relativ zügig und mit kraftvollen Pinselstrichen. Er arbeitet „aus der Farbe heraus“, wie er es nennt.

So entwickeln Sven Ochsenreithers Werke eine ganz eigene Ästhetik, welche Elemente aus der Hell-Dunkel-Malerei des Barock aufgreift und gleichzeitig in ihrer starken Reduktion Gemein­samkeiten mit der Bildgestaltung von Comics aufweist. Hinzu kommen ein präg­nan­ter Duktus und das Durchscheinen der tiefer liegenden Farbschichten als Verweise auf den malerischen Prozess. 

Mit diesen Mitteln entwickelt der Maler seine Momentaufnahmen aus Geschichten und lässt dabei offen, ob es sich um den Anfang, einen Wendepunkt oder das Ende handelt von einem Märchen, das noch nie erzählt wurde.
© Stefan Dupke, Kurator und Kulturmanager, Hamburg